Geschichte

Kapitel III: Die erste Dekade

Ich werde die folgenden Schallplatten nicht einzeln besprechen, dazu waren es zu viele, aber es lassen sich drei Phasen bis zu Daleckis Ausscheiden aus der Band im Jahre 1996 unterscheiden:

1. Der Anfang (1988-1992)

Mit frischen Mut und vielen Ideen hauten wir Ende der 80er der „Streets of Elmshorn“Platte gleich „Woman,Oh,Woman“ hinterher, es folgten diverse Samplerbeiträge sowie eine Live-Scheibe auf Ralf Seegers „Rumble“-Label. Kurz gesagt, die Sache lief. 1990 produzierte ich den Sampler „Der Norden haut drauf“. Bezahlt wurde die Scheibe von Achim Dörr von der RocknRoll-Boutique „Charmeuse“ in hamburg, in der ich zu dieser Zeit arbeitete. Heidi Dörr war kurz zuvor unter tragischen Umständen ums Leben gekommen und so widmeten wir ihr diesen Überblick über die Hamburg/Holsteiner Rockabillyszene der Zeit, was ich auch heute noch sehr passend finde. Seltsamerweise bot sich mir die Gelegenheit, über die Herstellung dieser Platte meine Diplomarbeit zu verfassen, ich habe meinen akademischen Grad „Dipl.Bibl.“ also auch dem Rockabilly zu verdanken.

Die Live-Scheibe von Rumble war ganz okay gewesen, aber uns schwebte noch etwas anderes vor, deshalb produzierten wir 1991/92 die Platte „Heimweh nach Elmshorn“, die wir mit Chris von Rautenkranz live im Rieckhof/Harburg aufgenommen hatten. Spätestens mit dieser Platte zeichnete sich das Ende der Anfangsphase unserer Band ab, denn es ist die erste, die keine „echte“ Graveyard-Records Produktion mehr war, nun zahlte Lado für uns, und das Barmstedter Friedhofstor war nurmehr eine Verbeugung vor meinem Wunsch, Mafia-Platten mit diesem Logo zu versehen. Ich hatte schon für „Der Norden haut drauf“ nicht genügend Geld gehabt, und bei Pascal Fuhlbrügge und Carol von Rautenkranz war es uns nun möglich zu arbeiten, wie wir es mit unserem eigenen Geld nie gekonnt hätten. Das zeitigt Effekte.

2. Jamboree (1993-19994)

Das Jahr 1993 hatte zunächst retrospektiv angefangen: Lado veröffentlichte auf dem eigens für uns gegründeten „Teenage-Exploitation“-Label zunächst unter dem Titel „Jugendsünden“ unsere ersten beiden LPs nochmals auf CD. Zum anderen ging es danach aber mächtig vorwärts, denn „Jamboree“ erschien, und zwar nur auf CD. Das war eine seltsame Produktion, einen 16 neue Stücke, von denen einige zu regelrechten Mafia-Klassikern wurden. Zum anderen Studioabfälle, Live-Überhänge und die komplette Grave 001 „Rockin in the Graveyard“. Ein Hybride, der die Gegenwart mit den ersten Gehversuchen kombinierte. Man merkt, dass sich hier das zehnjährige Jubiläum ankündigt. Lado forcierte nun Samplerauftritte, es erschienen diverse andere Platten, auf denen wir Gast waren und wir ließen die Dinge wirken...

1994 erschien „Jamboree“ dann doch als LP bei Andy Widders „Part-Records“, dies war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen TeenEx und Part. Das sah alles nicht so übel aus, bis zu diesem Zeitpunkt waren ungefähr 20 Tonträger mit Songs von uns veröffentlicht worden, davon fünf komplette Alben, die die kontinuierliche Entwicklung seit 1988 dokumentierten. Und doch hatten wir ein Problem.

Exkurs: Arbeitstechniken

Vielleicht ist dies die richtige Stelle, um einmal zu erklären, wie zu dieser Zeit alle Lieder der Mafia entstanden. Diese Erklärung erscheint mir notwendig, damit man versteht, warum das passierte, was passierte. Die Sache lief nämlich so: Entweder Willer oder ich hatten eine Idee zu einem Song. Dann erarbeiteten wir die Melodie, bis das Lied stand, danach schrieb ich einen Text oder es wurde ein Instrumental. Zweite Möglichkeit: Ich hatte einen guten Text den ich weglegte, bis uns eine passende Melodie dazu einfiel. Dritte Möglichkeit: ich hatte einen guten Text, ich hatte einen Basslauf dazu und Willer bastelte sich die passenden Gitarrenriffs. Wenn wir das alles hinter uns hatten, riefen wir Dalecki an, der dann dazu trommelte. Anders konnte es gar nicht gehen, denn, um das nach all den Jahren mal deutlich auszusprechen, Willer und Dalecki konnten sich eigentlich nicht ausstehen. Tex war der ruhige Arbeiter an der Gitarre mit profundem Wissen in Sachen Rockabilly, er verbesserte sich über die Jahre kontinuierlich an seinem Instrument, er wußte dabei auch ziemlich genau, was er wollte und was nicht.

Ding Dong Dalecki war der dritte „Typ“ der Band und auch alles andere als einfach. Er war ein spontaner „Haudrauf“-Mensch, was mir einerseits sehr entgegenkam. Andererseits ging mir sein Eigensinn ziemlich auf die Nerven, denn wenn Dalecki nicht wollte, wollte er nicht. Willer und mir zu Anfang spieltechnisch haushoch überlegen, langweilte er sich beim üben eigentlich immer. So holten wir ihn also nur, wenn wir ihn brauchten, denn wenn Dalecki sich langweilte, wurde er anstrengend. Außerdem interessierte ihn die Geschichte unserer Musik und das ganze „Drum-herum“(tolles Wort in diesem Zusammenhang!) herzlich wenig, ihn interessierte, die Musik zu machen, fertig.

Ich stand von Anfang an als der etwas durchgeknallte Bassmann-Sänger-Texter zwischen Tex und Ding Dong. Hätte ich da nicht gestanden, die Band hätte keine drei Jahre gehalten. In der ganzne ersten Dekade der Mafia hat es immer wieder Situationen gegeben, in denen es kurz vorm Bruch stand, und mehr als einmal redete ich mit Engelszungen auf beide ein, um das Trio zu erhalten. Man möge mich nicht falsch verstehen, ich tat das natürlich auch aus Verbundenheit, denn beide waren meine Freunde, ich tat es aber in ersten Linie, um meine Musik machen zu können. Ich ahnte nicht, dass ausgerechnet ich damit zur Sollbruchstelle der Kapelle wurde.

Wenn das nun so war, wieso haben wir uns das dann eigentlich alle so lange angetan? Tja, die unterschiedlichen Persönlichkeiten ergänzten sich bei aller Reibung eben auch sehr gut. Der Trommler, der mit seinem Rhythmus alles zusammenhielt und dabei mächtig Show machte, der nahezu unbewegliche Gitarrist, der die ganze Zeit wie angenagelt auf der Bühne stand und von mir gar nicht zu reden. Ich bin immer wider erschüttert, wenn ich mich auf Videos sehe. Total gaga. Zum Glück merke ich beim Spielen nichts davon. Es waren tolle Jahre auf der Bühne, soweit ich mich erinnere, denn meistens war ich schon ziemlich betrunken, wenn wir auftraten. Sie entschädigten mich für die Querelen hinter den Kulissen, für ein paar Minuten war einfach alles gut so. Das dieses Ausblenden von Realitäten irgendwann Folgen haben würde, blendete ich ebenfalls aus.

Ende des Exkurses.

3. Stagnation und Bruch (1995-1996)

1995 war die Kapellen zehn Jahre alt, und das ist in Bandkreisen nicht so wenig. Äußerlich war alles auf Kontinuität angelegt. Wir hatten eigentlich vorgehabt, eine 25cm-LP zu machen, weil die immer noch in unserer Sammlung fehlte, aber es wurde dann doch eine CD. „Das ist Rockabilly“ war eine Art Fortsetzung von „Jamboree“, wobei wir hier Dinge versuchten, die wir noch nie versucht hatten. Manches klappte, manches ging kolossal daneben. Für mich ist die Platte vor allem wegen eines Titels sehr wichtig, „Die Nacht war lau“. Hier gelang es uns m.E. erstmals, einen guten Deutschen Text, bei dem es nicht um Saufen, Autofahren oder die dritte wichtige Sache im Leben ging, mit einem griffigen Riff zu verbinden. Wir hatten uns nicht leichtgetan mit dem Material. Die erste Session im „Topas“-Tonstudio schmissen wir komplett weg, ich überarbeitete alle Texte, wir gingen in den Soundgarden und als wir dann endlich fertig waren, hängten wir noch eine weitere Session dran, von der wir aber nur wenig vewendeten. Eine merkwürdige Stimmung hatte uns alle ergriffen, es lief irgendwie komisch...

Live hingegen lief alles noch sehr gut, und unser Jubiläum, das von Andy Widder ausgerichtet wurde, war ein rauschendes Fest, bei dem sogar meine Eltern erschienen. 1996 erschienen die üblichen Samplerbeiträge, auch die Vinyl-LP bei Part kam heraus, aber im Sommer des Jahres kam es dann doch zum endgültigen Bruch des Trios. Ich hatte es in fast 11 Jahren immer wieder geschafft, die Krisen zwischen Dalecki und Willer zu schlichten, als es aber zwischen mir und Dalecki krachte, war Schluß. Er hatte musikalisch schon länger deutlich andere Interessen entwickelt und arbeitete nebenbei an eine ambitionierten Elvis-Revival-Projekt mit, das ihn mehr und mehr forderte. Weder Willer noch ich konnten nachvollziehen, was das nun sollte, aber Dalecki hatte etwas gefunden, was ihm die Mafia nicht bieten konnte: Die Möglichkeit, seine persönlichen musikalischen Ideen auszuleben, und zwar vor einem ganz anderen, „normalen“ Publikum.

Die Sache zog sich noch ein wenig, es kam zu ein paar blöden Vorfällen und schließlich erklärte Ding Dong Dalecki seinen Austritt aus der Band. Ich ließ ihn mit grimmigem Nicken ziehen. Damit endeten fast elf Jahre gemeinsame Zeit. Peng. Willer und ich überlegten uns, ob und wie die Sache wohl weitergehen solle...


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